Die Verletzlichkeit der I-und K-Gesellschaft

Geht Gefahr nur von kriminellen Subjekten im Internet aus. Oder beim „Internet der Dinge“ auch von den Objekten selbst? Wenn Dinge miteinander kommunizieren – wer gibt die Befehle? Wer führt sie aus? Steuert der Mensch die Maschine oder die Maschine den Menschen?

„Wenn Dinge schlauer und autonomer werden, verhalten sie sich nicht immer so, wie wir das erwarten – das ist normal. Mit zunehmender Vernetzung könnten sich jedoch Fehler sogar weltweit auswirken. Manche Leute fordern daher, dass die „Intelligenz“ von Gegenständen abschaltbar sein sollte – so wie man in manchen Autos ESP abschalten kann. Das ist aber leichter gesagt als getan und in einer stark vernetzten Welt, wo alles voneinander abhängt, nicht immer möglich oder sinnvoll. Denn gerade die Vernetzung bietet den entscheidenden Mehrwert – so wie ein Mensch mehr ist als die Summe seiner Körperzellen. Durch eine Gestaltung, die Fehler toleriert, und ein behutsames Einführen intelligenter Systeme müssen wir dafür sorgen, dass Ausnahmesituationen beherrschbar bleiben. Grundsätzlich sollte unsere Umwelt immer noch ohne Hilfe intelligenter Objekte funktionieren.“ (1)

Wie sehr das Wohl und Wehe unserer Informations- und Kommunikationsgesellschaft an funktionierenden Netzen hängt, wird am deutlichsten, wenn sie zusammenbrechen. Jeder kennt das im Kleinen: Die Arbeit türmt sich, Termine drängen und ausgerechnet jetzt – im entscheidenden Moment – streikt der Computer, streikt das Netz. Daten können nicht ausgetauscht, Ersatzteile nicht bestellt werden, E-Mails können weder empfangen noch gesendet werden, die ganze Logistik liegt lahm – und je nach Branche auch die Produktion. Nichts funktioniert mehr.

Schon 1998, als die Vernetzung noch in den Kinderschuhen steckte, wiesen die Autoren Alexander Rossnagel, Peter Wedde, Volker Hammer und Ulrich Pordesch auf die Verletzlichkeit einer Gesellschaft (2) hin, deren Funktionieren in hohem Maß von den neuen Informations- und Kommunikationstechniken abhängt.

Der Ausfall oder die Störung von Netzen kann nicht nur Betriebe, sondern ganze Stadteile lahm legen. Die zentrale Ampelanlagensteuerung versagt, führerlose U-Bahnen bleiben in Tunneln stehen, arbeitswillige Angestellte stehen vor den geschlossenen Türen zentral verriegelter Gebäude, die Notrufsysteme für Alte und Kranke versagen, Rechner von Großbanken und Versicherungen stehen für Transaktionen nicht zur Verfügung – und dies ist noch ein vergleichsweise harmloses Schadensszenario.

In einer neuen Publikation des Schweizerischen Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung widmen sich neun Autoren den verschiedenen Aspekten des Themas „ Die Verselbständigung des Computers.“ (3) Der Sammelband macht das Phänomen Verselbständigung des Computers in seiner Natur und seinen Erscheinungsformen für interessierte Laien anhand vieler Anwendungsbeispiele fassbar und umschreibt die Herausforderungen, mit denen die Wissenschaften sowie die Politik und letztlich wir alle konfrontiert sind.

(1) Siemens: Pictures of the Future, Herbst 2005 Friedemann Mattern im Interview mit Bernd Müller, S. 22

(2) Alexander Rossnagel, Peter Wedde, Volker Hammer, Ulrich Pordesch: Die Verletzlichkeit der "Informationsgesellschaft". Herausgegeben vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, in der Reihe Sozialverträgliche Technikgestaltung, 1989

(3) Albert Kündig, Danielle Bütschi (Hrsg.): Die Verselbständigung des Computers, vdf Hochschulverlag AG, 2008